Jacques Biehl & Marc Philipp Agne
Natürlich hat sie der Wein zusammengeführt. Der Saft edler Reben und das Schicksal. Es war bei einer dieser großen Grand Cru-Verkostungen in Bordeaux, als sich im Jahr 2006 die Wege von Jacques Biehl und Marc Philipp Agne kreuzten. Der alte Hase traf auf den jungen Fuchs – und beide waren schwer beeindruckt voneinander.
Denn der elegante Monsieur Biehl, gilt als der Doyen im deutschen Bordeaux-Geschäft: Er gehört zu den ersten und bis heute renommiertesten Direktimporteuren in Deutschland für hochklassige Tropfen aus dem Bordelais. Ein Grandseigneur, der für seine exzellenten Kontakte ebenso geschätzt wird wie für seinen französischen Charme.
Der trotz seiner mächtigen Statur äußerst flinke Herr Agne aus Köln hingegen ist ein Mann mit ausgeprägtem Spürsinn für kostbare Raritäten. Mit seinen gerade mal 31 Jahren gilt er bereits als versierter Bourgogne-Spezialist, als neugieriger, zupackender und begeisterungsfähiger Geschäftsmann.

Dass sich die zwei Männer, die Vater und Sohn sein könnten, auf Anhieb gut verstanden, lag aber auch daran: Beide sind nicht etwa geborene Weinnasen, gereift in einem Ambiente über Generationen kultivierter Degustatoren. Eher sind sie als "Außenseiter mit einer glücklichen Hand" in die gehobene Welt edler Tropfen geraten, wie Agne gern lachend erzählt. Seit dem Frühjahr 2010 sind die beiden Partner der Handelsagentur jjinox - und fast scheint es, als sei da sehr schell zusammengewachsen, was zusammenhört. Dabei hätten ihre Lebenswege bis zur beruflichen Fusion nicht unterschiedlicher sein können.
Jacques Biehl nennt sein Geburtsjahr mitten im Zweiten Weltkrieg selbstironisch einen "mittelmäßigen Jahrgang": Er ist der Sohn eines Lothringers und einer Vietnamesin, Kriegskind und "Mischling" – die Konstellation hätte vorteilhafter ausfallen können. Doch sie hat Jacques Biehl gestärkt, der mit den Eltern als Vierjähriger aus Asien ins französische Lothringen kam, hier die Schule besuchte, sein Abitur machte - mit Deutsch als erster Fremdsprache. Für ihn damals kein Traumfach und hätte damals jemand gesagt, dass Deutschland seine Zukunft bedeutet, hätte er ihn ausgelacht, mon dieu!
Biehl studiert zunächst Volkswirtschaft und Marketing, erst in Straßburg, dann im schweizerischen Lausanne. Der Militärdienst führt ihn später als Offizier zum ersten Mal nach Deutschland: Sein Standort ist Tübingen, die bunte Studentenstadt am Neckar gefällt dem lebenslustigen Franzosen ausnehmend gut. Zurück in Frankreich heuert Biehl bei einer Pariser Firma als Marktforscher und Marketing-Berater an - und kommt auf den Geschmack: Auf Geschäftsreisen mit seinem Chef, einem leidenschaftlichen Gourmet, entdeckt er in sternegekrönten Restaurants die Welt öno-gastronomischer Genüsse.
Was ihm half, war die gerade beginnende Feinschmecker-Ära unter den lange als Gourmetmuffel mit Hang zu gefährlich süßen Weinen verschrieenen Deutschen: Plötzlich hatten trockene "Franzosen" auch hierzulande Konjunktur – und Biehl ritt auf der Welle nicht einfach mit, er trieb sie an. Mit seinem Peugeot graste der frischgebackene Agent fortan die Weingüter im Bordeaux ab, große Chateaux, die ihm den Direktimport ihrer Kreszenzen anvertrauten, die er schmunzelnd seine "Donnerwetter!-Weine" nennt. Aber Biehl entdeckte auch kleinere Häuser, deren Tropfen er förderte, wenn er sie so sympathisch, kultiviert und geradlinig fand wie ihre Macher.
Manchen der "Kleinen" hat Biehl in über drei Jahrzehnten groß gemacht, gut 30 Winzerfamilien, oft schon in der zweiten Generation, sind bis heute seine treuen Partner. Das gilt auch für die Kunden diesseits des Rheins: Mit seiner Mischung aus Charme und Hartnäckigkeit, aus französischem Flair und deutscher Verlässlichkeit hat Jacques Biehl sich unter den alteingesessenen deutschen Weinhändlern gut 250 Stammkunden geschaffen – und eine ganze Menge Trends dazu: Etwa den Boom der Winzer-Champagner oder die Lust auf Jahrgangs-Armagnacs.
Der Erfolg beschert ihm heute stattliche Jahresumsätze – und das, obwohl sich auf seinem Haupt-Terrain im Bordeaux inzwischen fast drei Dutzend Importeure drängeln. Eigentlich hätte sich Monsieur Biehl mit seinen 67 Jahren also zur wohlverdienten Ruhe setzen können. Eigentlich. |
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Doch da kommt der Autohändler-Sohn Marc Philipp Agne ins Spiel. Er "elektrisiert" den älteren Kollegen regelrecht, mit seiner Impulsivität, mit seinen blendenden Kontakten ins von Biehl lange vernachlässigte Burgund - und mit seinem schier unschlagbaren Riecher, mit dem er die kostbarsten und seltensten Gewächse im Premium-Segment der internationalen Weinwelt aufstöbert.
Auch Marc Philipp Agne, waschechter Kölner des Jahrgangs 1979 und Scheidungskind, gelangt als veritabler Outsider in diese Welt. Nur eins spürt er schon als Bub, wenn er der Mutter am Stand auf dem Flohmarkt hilft: "Ich hatte richtig Talent fürs Handeln und Verkaufen – und wollte unbedingt mal Händler werden". Die erste Gelegenheit dazu verschafft ihm der Vater, der ihm nach freiwilligen Dienstjahren bei der Bundeswehr im Jahr 2000 eine Partnerschaft in eigenem Autohaus anbietet. Damals begann der Senior nebenher mit hochwertigen, alten Weinen zu handeln, schon ein Jahr später kam der junge Philipp auch hier mit ins Boot. Da hatte er – mit 21 Jahren - den ersten Burgunder seines Lebens verkostet: Einen 1911er Clos de Vougeot. Der äußerst seltene Tropfen, der versierten Weinliebhabern den Puls in die Höhe treiben würde, hat Marc Philipp Agne durchaus "mächtig imponiert". Aber anstatt einfach nur zufrieden zu schwelgen, entwickelte der junge Kölner flugs seine Geschäftsidee: Wein als Stoff für Investitionen mit Wertzuwachsgarantie.
"Wir müssen die Rolls Royce unter den Weinen aufkaufen und auf Auktionen versteigern", erkennt er damals. Tropfen, die so berühmt sind, das sie für sich selbst sprechen, weil potente Sammler sie unbedingt in ihrem Keller haben wollen. Jahrelang klappert Agne Junior die Bestände von angestammten Weinhändlern und Weinsammlern nach solchen Kostbarkeiten ab, und immer wieder wird er fündig. Bald kursiert sein Name bei den besten Auktionshäusern: Nur wenigen werden wie er zu Probeverkostungen geladen, haben Zugang zu deren – meist ausländischen – Kunden und Schatzkammern. Schnell wird Agne, der sich 2004 vom Vater trennt und im selben Jahr noch selbstständig macht, der Lieferant der Elite unter der internationalen Weinkundschaft: Bei ihm ordert der Chef einer Großbank für seine chinesischen Staatsgäste, aber auch der bei Bordeaux oder Barcelona groß gewordene Fußball-Star und der erfolgreiche Mittelständler, der seine Gewinne lieber in Spitzenweinen als in Hedgefonds anlegt.

Verlässliche, kaufmännische Gepflogenheiten sind für den jungen Entrepreneur lebenswichtig in einer Branche, die einerseits noch vom Handschlag lebt, in der man seine Rechnungen aber besser schon bezahlt hat, bevor sie eintreffen: Nur so ist das entscheidende Quäntchen Wettbewerbsvorteil zu schaffen beim Run auf Raritäten. Weil die Gewinnmargen bei Wein-Auktionen in den letzten Jahren deutlich gesunken sind, hat Agne seine Aktivitäten längst diversifiziert, hat seine Kontakte in den weltbesten Anbaugebieten vertieft, allen voran der Bourgogne. Seit diesem Jahr nun mischen der alte Hase Biehl und der junge Fuchs Agne die Weinwelt gemeinsam auf – der eine mit seinen hochwertigen Bordeaux-Gewächsen, der andere mit seinen exzellenten Bourgogne-Tropfen und seinen seltenen Kostbarkeiten, die noch immer mitunter fünfstellige Auktionspreise einspielen. "Diese Mischung ist auf dem deutschen Markt unschlagbar", sagt Biehl. Und Agne ergänzt: "In einem Markt, in dem Supermärkte, Discount und Weinfachhandel erbittert um Anteilsprozente ringen, zielen wir auf eine besondere Kundschaft: Menschen, die gelernt haben, zu genießen, die sich den Genuss toller Weine leisten können und auch leisten wollen."
Und ganz nebenbei hat der Junge den Älteren jetzt auch noch dazu gebracht, "nicht nur gute, sondern manchmal auch sehr gute Tropfen zu verkosten". Wenn dann bei jjinox zur Feier eines gelungenen Geschäftsabschlusses mal die Korken knallen. A votre santé! |